Frankfurt ist ganz Chor

Frankfurt ist ganz Chor

500 Chöre sind vom 7. und 10. Juni in Frankfurt

Frankfurt singt. Und das Spektrum ist riesengroß: Es reicht von Kirchen-, Jazz- oder Kammerchor bis hin zum German-American-Community-Choir oder den Liederlichen Lesben. Sie alle sind dabei, wenn das Deutsche Chorfest mit fast ausschließlich kostenlosen Konzerten im Juni die Frankfurter Innenstadt und das Mainufer zu einer großen Bühne macht.

Frankfurt am Main (pia) Mal müssen sich die Tenöre etwas zurückhalten. Mal die Bässe. Dann wieder sollen Töne herausgeschleudert werden, dass es einen ganzen Konzertsaal zerlegen könnte. Gesänge zwischen Männer- und Frauenstimmen wechseln sich ab. Kraftvoll, dynamisch, aber auch zart und lyrisch, mal fordernd, mal bittend. Emotional bewegt und bewegend klingt das, was durch das Haus der Chöre weht, schmettert, tönt, klingt oder bebt. Der Chor Frankfurter Singakademie probt unter der Leitung von Paulus Christmann Anton Dvoráks Messe D-Dur.

Es geht um gemeinsame Emotionen

Paulus Christmann bekennt sich im Gespräch mit leuchtenden Augen zum Chorgesang. Für ihn geht es beim gemeinsamen Singen auf jeden Fall auch darum, „gemeinsame Emotionen zu haben und zu teilen“. Wie man bei seiner Arbeit mit dem Chor erkennen kann, geht es aber auch darum, aus etwa 120 Stimmen einen Klangkörper zu schaffen, ein Gesamtwerk umzusetzen. Allzu viel Individualität und Herausstechen aus dem Ensemble könnte das gemeinsame Werk da sprengen. Für die Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Singakademie Elisabeth Dernbach, für die Musik im Allgemeinen und auch Singen im Chor seit ihrer Kindheit gewissermaßen zum guten Ton zählen, heißt es auch „gemeinsam eine Sache erreichen“.

Weg vom verstaubten Image

Die Frankfurter Singakademie ist einer von mehr als 100 Frankfurter Chören, die zum Teil sehr angesehen und sogar national und international renommiert sind. Und einer von rund 40 Frankfurter Chören, die unter dem Motto „Frankfurt ist ganz Chor“ beim zweiten Deutschen Chorfest vom 7. bis 10. Juni teilnehmen. Der Cäcilienchor ein anderer. Vorstandsmitglied Isa Jantzen freut sich schon auf das ungeheuer breite Programm: „Es spiegelt die große Bandbreite der Chormusik von der Volksmusik über Pop, Jazz, bis zur Klassik, beispielsweise vom Rias Kammerchor bis zu a cappella Gruppen wie den Wise Guys wieder. Auch zeigt es, zu welch tollen Ergebnissen das Engagement von Laien führen kann.“ Und sie erhofft sich, dass die „großartige Kulisse der Stadt Frankfurt der Chormusik ihr eventuell etwas verstaubtes Image nehmen und noch mehr junge Menschen für das Singen begeistern kann“.

Die meisten Konzerte sind kostenlos

Mehr als 20.000 Sängerinnen und Sänger aus aller Welt, unter anderem Venezuela, Japan, Italien oder China, und aus fast 500 Chören werden in rund 600 nahezu ausschließlich kostenlosen Konzerten die Frankfurter Innenstadt und das Mainufer zu einer großen Bühne machen. Chormusik gibt es dann in Konzerten, Gottesdiensten, auf offenen Chorfestbühnen, in sozialen Einrichtungen, in Kirchen und Open Air.

Immer mehr Menschen möchten singen

Das Chorfest spiegelt einen Trend wieder. Sowohl der Frankfurter Cäcilienchor als auch Singakademie bestätigen für Frankfurt, was der Deutsche Chorverband für Deutschland feststellt: Immer mehr Menschen möchten singen. „Etwas in der Gruppe zu tun, was allen Spaß macht, wie sie ansonsten auch gestrickt sein mögen, das verbindet einen mit anderen Menschen. Die Mehrstimmigkeit von Musikstücken lässt sich mit menschlichen Stimmen ja nur im Chor umsetzen. Als Chorsänger ist man also Teil eines Ergebnisses, welches schon rein technisch alleine gar nicht erzielbar wäre“, so Jantzen.

Breites musikalisches Spektrum

Der Wunsch nach dieser Gemeinsamkeit nimmt offenbar in einer sich immer stärker individualisierenden Gesellschaft zu. Außerdem ist es inzwischen auch wieder „erlaubt“, sich den Emotionen der Musik hinzugeben. Nachdem die Nationalsozialisten die Musik für ihre Zwecke instrumentalisiert hatten, war das, wie Christmann weiß, lange suspekt. Doch eine solche Vereinnahmung ist heute schon angesichts der musikalischen Bandbreite und des programmatischen Spektrums der unterschiedlichen Chöre schwer vorstellbar. Allein bei den Frankfurter Teilnehmern des Chorfests reicht es vom klassischen Männerchor über Kirchen-, Jazz- oder Kammerchor bis hin zum German-American-Community-Choir oder den Liederlichen Lesben.

Singen ist gesund

Interessierte, die das Singen im Chor selbst sinnlich und emotional erleben möchten, können dies übrigens auch während des Deutschen Chorfestes. Und das Singen ist nicht nur gut für die Stimmung. Singen ist gesund. Wissenschaftler des Instituts für Musikpädagogik (IfMP) und des Instituts für Psychologie der Goethe-Universität Frankfurt haben in einer Studie gezeigt, dass Singen sogar die Immunkompetenz erhöhen kann. Es lohnt sich also in vielerlei Hinsicht, ganz Chor zu sein.

Ein Haus für Chöre

„Frankfurt ist ganz Chor“ – das gilt übrigens nicht nur für die Zeit des Chorfestes. Davon zeugt das 2005 auf Initiative von Laienchören erbaute Haus der Chöre mit seinen nach innen gewölbten Außenwänden und dem nach innen gewölbten Dach. In dem Bau im Dornbusch, der für Chor- und Orchesterproben ohne Publikumsverkehr errichtet wurde, probt an jedem Abend in der Woche ein anderer Chor. Christmann findet es „toll, dass wir so ein Haus haben. Das gibt es in vielen Städten ja gar nicht“.

Astrid Biesemeier


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