Norbert Nachtweih seine Flucht

Angst hatten wir keine’

25 Jahre Deutsche Einheit: In der Ausstellung „ZOV Sportverräter“ im Eintracht Museum erinnert sich Ex-Profi Norbert Nachtweih an seine Flucht

Anlässlich des 25. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung und des großen Bürgerfests in Frankfurt zeigt das Eintracht-Museum vom 15. August bis 15. Oktober die Ausstellung „ZOV-Sportverräter – Spitzenathleten auf der Flucht“. Ex-Eintrachtprofi Norbert Nachtweih – selber aus der früheren DDR in den Westen geflohen – erinnert sich an seinen Neubeginn in Frankfurt.

Frankfurt am Main (pia) „Angst hatten wir keine“, sagt Norbert Nachtweih. Am 16. November 1976 hatte er sich gemeinsam mit seinem Teamkollegen Jürgen Pahl beim U-21 Europameisterschaftsspiel der DDR gegen die Türkei in Bursa abgesetzt. „Aber man brauchte Mut dazu und den hatten wir beide damals.“

15 Sportler erzählen

Ebenso wie Nachtweih und Pahl flohen hunderte von Spitzensportlern aus der DDR in die Bundesrepublik. Für deren Fluchtschicksale stehen bei der Ausstellung „ZOV Sportverräter. Spitzenathleten auf der Flucht“ 15 ausgewählte Sportlerpersönlichkeiten. Die Videoinstallation der Künstlerin Laura Soria, die im Eintracht-Museum vom 15. August bis 15. Oktober zu sehen ist, versteht es geschickt, einen Raum zu schaffen, in dem der Besucher den einzelnen Sportlern beim Nachdenken und Erinnern begegnen und per Knopfdruck die jeweilige Persönlichkeit zum Leben erwecken kann. Die Sportler erzählen ihre Geschichte und vertrauen sich dem Zuhörenden an.

Die Ausstellung besteht aus 15 Schwarz-Weiß-Porträts der Sportler in der Größe 120 x 160 Zentimeter, dazu gehören je ein Pult mit Beamer und Abspielgerät, mit deren Hilfe die Filme auf die Fotos projiziert werden. Tafeln enthalten einführende Texte zur Ausstellung, zu den Themen Spitzensport in der DDR, Flucht von Spitzensportlern und einen Text zu den Intentionen der Künstlerin Laura Soria. „Wir freuen uns, mit dieser einzigartigen Ausstellung ein besonderes Angebot rund um den Tag der Deutschen Einheit in Frankfurt machen zu können“, sagt Museumsleiter Matthias Thoma und hofft auf reges Interesse.

Die Mauer umspielt

Doch zurück zur Norbert Nachtweih. Er wird im Mittelpunkt einer Veranstaltung im Rahmenprogramm der Ausstellung stehen. Unter dem Titel „Die Mauer umspielt und bei der Eintracht gelandet“ erzählen Nachtweih und Stadionsprecher André Rothe über ihre Fluchterlebnisse und ihre verschiedenen Wege zur Eintracht.

Nachtweihs Weg sah so aus: Der Defensiv-Allrounder und sein Fluchtpartner Torwart Pahl hatten alle Jugendmannschaften durchlaufen, es winkte ihnen eine Karriere im DDR-Fußball. Trotzdem setzten sie alles daran, in den Westen zu kommen und in Bursa gelang es ihnen dann auch. „Nach dem Spiel gegen die Türkei haben wir uns aus dem Mannschaftshotel abgesetzt. Wir hatten im Hotel einen Amerikaner kennengelernt, der einen Kontakt zur US-Botschaft in Istanbul herstellte. Wir schlugen uns nach Istanbul durch und mussten dort erstmal einige Tage bleiben.“ Dann schafften sie es mit Hilfe der deutschen und türkischen Behörden nach München auszureisen. Dort wiederum wurden sie drei Tage lang vom Verfassungsschutz überprüft, ehe es in das Notaufnahmelager Gießen ging.

Eine andere Welt

„Über Wolfgang Mischnick, dem damaligen FDP-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag und Verwaltungsratsmitglied der Eintracht, wurde der Kontakt nach Frankfurt geknüpft“, erinnert sich der heute 58-jährige Nachtweih. Doch mit der Bundesliga-Karriere sollte es noch einige Zeit dauern, da er aufgrund des Verbandswechsels mit einem Jahr Sperre im Profibereich belegt wurde. „Also spielte ich bei den Eintracht-Amateuren, habe aber immer bei den Profis trainiert.“ Am 4. März 1978 war es dann soweit. Norbert Nachtweih erlebte sein Bundesliga-Debüt im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart. Fast zwanzig Jahre sollte seine Profikarriere dauern.

Nach vier Jahren bei der Eintracht – mit UEFA-Cup-Gewinn 1980 und DFB-Pokalsieg 1981- wechselte er zu Bayern München. Wenn er auch stets ein besonderes Verhältnis zur Eintracht und zur Rhein-Main-Region haben wird, in München erlebte er seine sportlich erfolgreichste Zeit. „Das ist schon eine andere Welt“, urteilt er über den deutschen Rekordmeister. Hier spielte er bis 1989, dann führte ihn sein Weg nach Cannes und 1991 noch einmal zur Eintracht. „Das war ein kurzes Gastspiel, mit Dragoslav ‚Stepi‘ Stepanovic und mir hat das damals einfach nicht hingehauen, da habe ich die Sache beendet“, sagt Nachtweih und lacht schelmisch. Selbstredend ist heute Gras über die Sache gewachsen und beide sind freundschaftlich in der großen Eintracht-Familie miteinander verbunden. Von 1991 bis 1996 schnürte er dann noch einmal die Stiefel in der 2. Liga für Waldhof Mannheim, eher er bei den Sportfreunden Schwalbach seine Karriere ausklingen ließ. Heute bildet er in der Eintracht-Fußballschule von Charly Körbel den Nachwuchs aus.

Wunder vom Main

Nachtweih und Pahl waren nicht die einzigen DDR-Fußballer, die sich im Rhein-Main-Gebiet ihre ersten Sporen im Westen verdienten. Auch Jürgen Sparwasser – Torschütze des unvergessenen Siegtreffers für die DDR im Bruderduell bei der WM 1974 – hatte nach seiner Flucht 1988 bei den Darmstädter „Lilien“ 1991 seine erste Station als Cheftrainer, nach zwei Co-Trainer-Jahren unter Kalli Feldkamp am Riederwald.

Der legendäre Eintracht-Retter von 1999, Jörg Berger, war Trainer der U-21-Nationalmannschaft der DDR, als er sich 1979 anlässlich eines Länderspiels in Jugoslawien in die Bundesrepublik absetzte. Seine erste Trainerstation war daraufhin der damalige Zweitligist SV Darmstadt 98, ehe ihn von 1988 bis 91 und eben 1999 der Weg zweimal zur Frankfurter Eintracht führte. Von ihm handelt eine weitere Veranstaltung im Eintracht-Museum. „Erstmals präsentieren wir ein Theaterstück im Museum. ‚Meine zwei Halbzeiten‘ nähert sich feinfühlig der Person Jörg Berger, der auf imposante Weise das Auf und Ab seines vielseitigen Lebens zu meistern wusste. Die Inszenierung ist eine Hommage an die Trainerlegende Jörg Berger, der mit der Eintracht große Erfolge feierte – und uns das ‚Wunder vom Main‘ beschert hat“, erläutert Museumsleiter Matthias Thoma das Stück, das am 22. und 23. September aufgeführt wird.

Nachdenkliche und glückliche Momente

Natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein für die ehemaligen DDR-Fußballer im Westen. Nachtweih wird nachdenklich wenn die Sprache auf Lutz Eigendorf kommt, der im Frühjahr 1979 in den Westen geflohen war. Der Fußballprofi, der für Kaiserslautern und Braunschweig spielte, starb 1983 unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall. Bis heute hält sich der Verdacht, das Ministerium für Staatssicherheit hätte seine Hände im Spiel gehabt. „Der Lutz kam ja von Dynamo Berlin, das war der Stasi-Klub vom Mielke, der stand natürlich unter besonderer Beobachtung. Außerdem äußerte er sich immer wieder politisch“, erklärt Nachtweih die Rolle von Eigendorf. „Aber auch wir haben gemerkt, dass wir beschattet worden sind. Wir wussten ja gar nicht, wie viele Spitzel es im Sport gab.“ Doch Nachtweih hat damit vollends abgeschlossen, lebt im Hier und Jetzt. „Ich habe meine Stasi-Akte nie eingesehen“, bemerkt der immer noch drahtige Ex-Profi emotionslos.

Umso mehr leuchten seine blauen Augen wenn die Sprache auf seine jetzige Tätigkeit als Nachwuchstrainer kommt: „Der Umgang mit den jungen Leuten hält mich selber jung und fit. Das macht sehr viel Spaß“. In diesen Moment merkt man: Am wohlsten fühlt sich Norbert Nachtweih auch heute noch auf dem grünen Rasen.

Felix Brandt


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